Geschichte

Als im Jahr 2015 viele Geflüchtete nach Europa und Deutschland kamen, wurden in unserer Gesellschaft Brüche und Konflikte sichtbar, die vorher wenige so vermutet hatten.  
Zuvor schienen die Grenzen politischer Extreme und die aus ihnen resultierenden Konflikte recht klar konturiert: Rechts, das war die NPD und links, das waren autonome Steinewerfer. Dazwischen gab es ein relativ breites Spektrum, eine vermutete Mitte der Gesellschaft, die irgendwie miteinander reden konnte oder in der Vermutung es (nicht) zu können, schwieg.
Seit 2015 verschwammen diese Grenzen in der öffentlichen Wahrnehmung und im öffentlichen Sprachgebrauch zunehmend, die Schubladen für den politischen Gegner wurden größer und drängten gen Mitte der Gesellschaft: Rechts und Nazi war nun, wer bei PEGIDA mitlief; links und „Gutmensch“, wer sich für Geflüchtete einsetzte und die Grünen wählte.
Ganz unabhängig von der tatsächlichen politischen Gesinnung der jeweiligen Akteure ging und geht mit diesen Zuschreibungen eine Frontenbildung einher, und damit wiederum eine Dialogunfähigkeit, welche die Konflikte und Brüche in unserer Gesellschaft immer größer werden lässt.

Im Kontext dieser Entwicklungen wuchs in verschiedenen Leipziger Theaterakteuren bereits im Jahr 2015 der Wunsch nach einer Auseinandersetzung mit diesen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen. Es drängten sich Fragen auf: Wie können diese unterschiedlichen Perspektiven und Positionen wieder ins Gespräch gebracht werden? Wie kann es gelingen, dass die entstandenen Fronten abgebaut und ein Dialog möglich wird?
Mit dieser Perspektive, vielen Gesprächen und Interviews entstand in den Jahren 2016 und 2017 das Forumtheaterstück „Voigt Weine: Tradition mit Zukunft“.

Seit 2017 wurde das Stück „Voigt Weine: Tradition mit Zukunft“ nun vielfach in Leipzig und Sachsen vor ganz unterschiedlichen Besuchergruppen aufgeführt: in Kirchengemeinden, Seniorenvereinen, Jugendzentren, Berufsschulen, Suppenküchen, vor politischen Entscheidungsträgern, Kulturschaffenden und Pädagogen. Die Erfahrungswerte aus den Aufführungen fanden über die letzten Jahre immer wieder ihren Weg zurück in unser Stück, das sich damit in einem ständigen Entwicklungsprozess befindet.

Mit der Weiterentwicklung des Stücks wuchs seit 2017 nach und nach der Wunsch, weitere soziokulturelle Theaterprojekte zu starten und damit das Thema Dialog- und Demokratieförderung zur Überwindung gesellschaftlicher Spaltungsprozesse in Leipzig und Sachsen größer zu denken, als mit dem Stück „Voigt Weine“ bisher vorgesehen.

Mit dieser Überlegung wurde im Jahr 2019 die Idee Forumtheater Leipzig ins Leben gerufen. Ziel ist es seither, mit dem Forumtheater Leipzig eine Anlaufstelle für Projekte im Methodenspektrum des Theater der Unterdrückten zu etablieren, Workshopangebote zu schaffen und Trainingskurse anzubieten. Wir möchten dort Räume für Dialog und Begegnung schaffen, wo sich sonst oft Fronten gegenüberstehen. Gemeinsam mit allen Interessierten wollen wir unsere heterogene Gesellschaft konstruktiv gestalten, Spannungen aushalten und eine wertschätzende Gesprächskultur fördern.